Der Detektiv
Mai 25, 2008
Ich sass in einem billigen Strassencafé gleich gegenüber vom Kino.
Die karierte Tischdecke war voller Tee- und Fettflecken und aus dem Inneren des Restaurants drang ein penetrant riechendes Gemisch aus Zigarettenrauch und Kaffemühle, dazu gesellte sich ein Kompostcontainer, der gleich neben meinem Tischchen stand.
Ich zündete mir eine feine Zigarre an.
Unsereins wollte nie einen Stilbruch begehen. Und wenn man schon einmal mit Trenchcoat und Homburg Hut in einem billigen Strassencafé sass musste man sich einfach eine Havanna anstecken. Schon alleine der Dramaturgie wegen.
Ich fuhr mir mit meiner ledrigen Hand über den Dreitagebart und nahm einen tiefen Zug.
Die hübsche Servierdame mit ihrem Ostblockakzent stellte meinen mittlerweile 14. Kaffee mit entnervter Miene auf den Tisch.
Nachdem ich vier Zuckerwürfel hinzugeben hatte nahm ich einen Schluck.
Auf der anderen Seite trieb sich ein Strassenköter rum, doch im selben Moment öffnete sich der Kinoausgang und verscheuchte den kläffenden Hund.
Aus dem Tor trat er.
Er.
Vor Überraschung verschluckte ich den heissen Kaffee, begann zu husten und stiess die Tasse um, die mir ihren Inhalt in einer gehässigen Art und Weise aufs Bein schüttete.
Um mich vom Schreien abzuhalten biss ich mir auf die Lippe.
Der „Ich-.bleibe-still“-Effekt trat nicht ein.
So steckte ich mir die Faust in den Mund.
Es klappte.
Der stechende Schmerz verklang einige Sekunden später und ich entfernte meine Hand mühsam aus dem Mund, wischte sie an der Serviette ab und warf der Bedienung eine 20er Note zu.
Er war bereits in der Menschenmenge verschwunden, doch schliesslich findet unsereins jede Spur wieder.
Der Asphalt war schmutziggrau, übersät von ausgetrockneten Kaugummis und angerauchten Zigaretten.
Die Sonne stand hoch und grinste immer wieder höhnisch durch den aufgetürmten Wolkenberg, der langsam die Miene einer besonders aggressiven Regenwolke annahm, offenbar im Bestreben ihre langweilige Daseinsfrist mit einem tropischen Regenguss zu rächen und das alltägliche Einerlei aufzulockern.
Im Moment aber beschränkte sie sich nur auf ein enorm schwüles Klima.
Auch vor meinem Opfer machte es nicht halt.
Das Hemd, das er unter seinem Sakko trug, schien sich mit der örtlichen Luft angefreundet, ja gar gegen den Träger verschworen zu haben.
Mit einer ekelhaften und äusserst ernsten Hartnäckigkeit klebte es an K.’s frisch enthaarten Brust. Auch sein Mêche in den Haaren war nunmehr weniger als eine Strassenköterfrisur.
Zugegeben – Sie passte hervorragend zu seinem Charakter und Intellekt.
Auch das genervte Zupfen seinerseits nütze nichts. Selbst ein Drogenkartellboss musste einmal begreifen, dass man gegen Mensch und Tier zwar mit bleihaltigen Dingen argumentieren konnte, bei der Natur diese Vorgehenswiese jedoch auf ziemlich taube Ohren stossen konnte.
Manchmal konnte man meinen, in solchen Situationen würde sie in bekannter „Jetzt-erst-recht!“- Manier vorgehen.
Das tat sie auch hier und klebte nun noch entschlossener.
K. war ohnehin schon ziemlich gestresst. Da machte es ihm das eklige Hemd nicht gerade leichter mir zu entwischen.
Gut, er wusste zwar zu diesem Zeitpunkt nicht, das ich ihn verfolgte aber das tut hier nichts zur Sache. Am besten vergessen Sie das gleich wieder. Der Satz diente nur zur Verbesserung der Dramatik.
Ich folgte ihm also weiter.
Er kam mir weitaus weniger zielstrebiger vor als ich ihn in meiner koffeinarmen Erinnerung hatte.
K. besuchte diverse Läden und schliesslich auch noch den Bahnhof.
Am Meisten aber imponierte er mir, indem er zur Polizeiwacht ging.
Seine Miene wurde immer angespannter und er begann allmählich in Verzweiflung zu geraten als der Abendverkehr anrollte und gleich einer Lawine auf ihn zudonnerte.
Ich beschloss das Drama zu beenden und packte meine Sonnenbrille in meine Manteltasche, zog eine weitere Havanna hervor und ging nun gezielt durch die Menschenmenge auf K. zu.
K. blickte mich entgeistert an.
Tja.
„Passen sie besser auf ihre Dinge auf…“, sagte ich mit einer rauchigen Stimme, die eigentlich nicht meine Sonstige war. Aber was tut man nicht alles der Dramaturgie zuliebe.
Ich streckte ihm seine Brieftasche hin.
„Das haben sie verloren.“
Immer noch schaute mich K. entgeistert an und begann mir zu danken. Seine Frau hätte ihn sonst noch „getötet“.
Doch die Worte nahm ich nur noch gedämpft wahr als ich der Sonne entgegen durch den Abendwind schritt.
Ich muss zugeben. Der Gedanke er wäre ein Drogenkartellboss hatte mir gefallen.
Und er dürfte meine Karriere ein grosses Stück weiterbringen.
Drehbuchautor ist ein toller Job. Ehrlich.
Mein Gott… Da musste ich doch herzlich lachen. ^^ Gefällt mir.