Die wundersam sommerliche Weihnachtszeit
April 26, 2008
Die Sonne scheint und wirft ihre angenehm warmen Strahlen auf den Asphalt, wo sich Katzen räkeln und besonders in der Arbeitszeit viele Paare hektischer Schuhe klappern.
Hier und da blinzelt ein Sonnenschein zwischen den noch grünen Blättern hindurch und schafft so eine angenehm heimelige Atmosphäre wie man sie in lauen Sommerabenden mit Freunden, Grill und Bier geniesst.
Ich flaniere durch die Innenstadt, die Einkaufsmeile ist voller luftig leicht gekleideten Leuten, Sonnenbrillen blitzen und in Gartenrestaurants wird Eiskaffee um Eiskaffe ausgeschenkt.
Ich setze meinen gemütlichen Spaziergang fort und biege in eine andere Strasse ein – vor mir erhebt sich der Gebäudekomplex eines gigantischen Einkaufsparadieses.
In seinem Schatten betrete ich das Grossgeschäft und sofort schlägt mir unangenehm klimatisierte Luft ins Gesicht, sodass sich meine Nackenhaare sträuben. Ich stutze kurz aber lasse mich nicht beirren und marschiere quer durch die Parfumabteilung im unteren Stock, um bald an der Rolltreppe anzugelangen. Noch weiss ich nichts vom drohenden Unheil, dass mich bald erreichen wird.
Die Maschine befördert mich ins gewünschte Stockwerk und nun fällt mir etwas auf.
Ein rotnasiger, dickbäuchiger, alter Herr mit roter Zipfelmütze und gutmütigem Grinsen (Gutmütig liegt hierbei wohl im Auge des Betrachters – Andere Personen fühlen sich vielleicht beobachtet oder glauben, die Gestalt führe irgendetwas im Schilde, aber das spielt an dieser Stelle keine Rolle).
Nochmals wandert mein Blick über die ungewöhnliche Schaupuppe und da entdecke ich neben ihm das Geweih zahlreicher künstlicher Rentiere. Ein weiteres Mal stutze ich nehme meine Brille ab, putze sie und schau danach nochmals genau hin. Immer noch die Gestalt in rot. Zweifellos handelt es sich dabei um den Weihnachtsmann aus der Werbung eines Grosskonzernes, der grosse Teile seines Gewinnes der friedlichen Waffenindustrie zur Verfügung stellt. Irgendjemand muss den Frieden ja bringen.
Mein Blick wendet sich dem Fenster zu, wo gerade ein Spatz vorbeifliegt und fröhlich sein Lied pfeift während eine Maus sich in dem warmen Sonnenstrahl frönt, der gerade durchs Fenster fällt.
Wieder schaue ich verdutzt den Weihnachtsmann an und wieder die sommerliche Szenerie.
Nun ausgesprochen interessiert machte ich mich auf die Expedition durch die äusserst winterlich-weihnachtliche Surrealität.
Auf einer Kartonschachtel grinst mir abermals ein Samichlaus entgegen – gekleidet in bayrischen Lederhosen und trällert fröhlich ein Lied, dass verdächtig nach „Jingle Bells“ klingt.
An den Wänden hängen güldene und silbrige Girlanden, von der Decke baumeln Sterne von der Grösse einer Radkappe des neusten Modells des Jeep Cherokee.
Ein Verkäufer drückt gerade einem aufgeregten Kind eine Zuckerstange in die Hand während dieser die Barschaft der Mutter entgegennimmt (die nun um einige hundert Gramm leichter ist). Die Augen des Verkäufers blinken und statt Pupillen sind förmlich Dollarzeichen zu sehen. Das Bild das ähnelt gar der Fantasievorstellung einer Villa von 50 Cent oder anderen Bling Bling Dekadenzlern.
Um mich zu vergewissern, dass ich mich nicht gerade in der Jahreszeit und Monat vertue, werfe ich einen Blick auf meine Uhr die doch tatsächlich einen Tag des Oktoberbeginns anzeigt.
Mir fällt nun weiter auf, wie gedämpft das Licht ist. Elektrische Kerzen hängen an dutzenden von lieblos zusammen geschusterten Weihnachtsbäumen die ob der Hitze die im Geschäft vorherrschte einzugehen drohten.
Schnellen Schrittes stapfe ich leicht pikiert durch die Kinderabteilung. Hier brummt ein an der Decke aufgehängter Flieger, sodass es mir schier die Ohren bersten lässt, da fährt mich ein ferngesteuertes Spielzeugauto beinahe über den Haufen. Ich stolpere, drehe mich zum Wägelchen um, dass nun bereits seine Schaumstoffraketenwerfer auf mich gerichtet hat. Ein sirenenhaftes Heulen erklingt elektronisch aus dem inneren des Plastikspielzeug und plötzlich sirrt das Projektil durch die Luft und knallt mir hart gegen die Nase.
Einmal mehr drehe ich mich um meine eigene Achse. Ein kleiner bebrillter und hasenzähniger Junge mit einem Übermass an Sommersprossen grinst mich frech an und schiesst das zweite Projektil auf mich ab. Der Wagen verflüchtigt sich mit mehreren Schrauben und Saltos.
Ich schüttle verdutzt meinen Kopf, verpasse dem Kleinen eine sanfte Kopfnuss (trotzdem quiekte er laut wie ein abgestochenes Schwein).
Ich schlendere hinüber in die etwas erwachsenere Abteilung. Zuerst erwarte ich eigentlich ein bisschen mehr Banalität als bisher (der Kaufhausbesuch erweist sich derzeit als Äquivalent zu einer Expedition in den Regenwald – mit dem Unterschied, dass man dort nicht mit Plastikprojektilen und ferngesteuerten Autos rechnen muss)
Hier begegnet mir nun das erwachsene Kinderparadies – Pralinen die so viel Kosten wie ein Kleinwagen, eine Weihnachtsgans aus Plastik (zur Dekoration, nicht zum essen liebe Kinder)
Aus den schlecht eingestellten Boxen an der Wand schmiert die schnulzige Stimme von Bing Crosby zur Melodie von „White Christmas“.
Die Arbeiter hier sind scheinbar bemüht eine heimelige und warme Atmosphäre zu gestalten. Doch sie versagen. Die Stimmung eines lauen Sommer – `tschuldigung, einer kalten Winternacht wurde von den herumwuselnden Verkäufern gnadenlos zertrümmert. Endlich bin ich an dem Gestell angekommen wo ich etwas kaufen will. Ein Löffel um Eiskugeln zu formen. Ihr wisst schon. Für Eisbecher à la Dänemark oder so.
Die sommerlichen Temperaturen draussen bringen mich dazu. Doch von Eiskugelmachern keine Spur.
„Tut mir leid, die Sommer/Herbst Saison ist vorbei“
Auf meine Antwort, es sei doch erst Anfang Oktober antwortet er nur schnippisch „Liegt nicht in meiner Hand. Und den Geschäftsführer sprechen Sie schon, das bin ich.“
Ich glaube ich denke das nur, aber offenbar hab’ ich es laut ausgesprochen.
„Ein Hänfling wie Sie Geschäftsführer?“
Zehn Sekunden später werde ich von Securitymännern betont freundlich aus dem Laden geworfen. Hierbei wunderte es mich, dass die Securitas Baseballcaps und keine Zipfelmützen trugen.
Was soll dieser ganze Weihnachtsstress? In hundert Jahrn beginnt Weihnachten schon am 27. Dezember oder wie?
Naja mir bleibt weiter nichts übrig als zuhause den Kamin einzufeuern, mich dick einzupacken, in meiner Wohnung zu verschanzen und auf den Winter zu warten.
Ich wünsche euch fröhliche Weihnachten!